Das Elend der Digitalfotografie

Das Elend der Digital-Fotografie

Legal, illegal, digital

Alle halten drauf und keiner schaut mehr hin. Esther Stein über das Elend der Amateurfotografie

Erschienen in: Front, Mai 2008

Nicht Polaroid- oder Wegwerfkameras haben das selbst geschossene Foto in etwas sehr Banales verwandelt – nein, erst die Digitalkamera hat die Fotografie zu einem peinlichen Massensport werden lassen. Heute besitzt wirklich jeder einen Apparat und kann sich sein eigenes Bild von der Welt machen. Oder besser sehr, sehr viele Bilder. Von der Umgebung, sich selbst, seinen Mitmenschen und immer wieder von sich selbst. Von allem eben, was dem Hobbyfotografen vor die stufenlos verstellbare Linse gerät. An touristisch relevanten Punkten wird mit Dauerfeuer geknipst, was die Speicherkarte festhalten kann. „Kann man ja löschen“, denkt sich der Schütze und hält noch mal drauf.

Seitdem die Hürden der Film- und Entwicklungskosten gefallen sind und die Ergebnisse innerhalb von Sekunden im Display aufscheinen, glauben die Menschen, dass Fotografie keine große Kunst mehr ist, die eines wachen Auges bedarf. Kaum einer schaut noch genau hin, bevor er abdrückt. Rote Augen, Schatten, Flecken? „Kann man nachher alles retuschieren“, sagt der Laie ungeduldig. Das passiert aber selten genug. Warum auch: Schließlich landen die meisten Digitalfotos sowieso auf digitalen Müllhalden, die „Urlaub Sommer 2007“, „Gran Can 06“ oder „Party bei Florian“ heißen und als riesige Ordner die Festplatte besetzen. Und dort vergammeln dann diese Datenberge, unsortiert, unbeschriftet, unretuschiert, und harren ihrer Wiederentdeckung. 

Wann soll man sich denn die alten Fotos anschauen, wenn man doch ständig neue schießt?! Und wem will man sie eigentlich zeigen, wenn doch alle mit ihrer eigenen Knipserei beschäftigt sind?! Selbst wenn ich mich zu einem klassischen Foto-Abend bereit erklärte – auf das griffige Erlebnis von buntem Fotokarton wage ich kaum noch zu hoffen. „Das ist mir zu aufwendig“, nölt der Fotograf. Dabei ist es billiger und einfacher denn je. Kaum zehn Cent kostet im Internet ein Abzug, und man muss dafür nicht mal das Haus verlassen.

Früher – als meinen Freunden Dia-Abende noch zu spießig waren – bekam ich einen Stapel Fotos in die Hand gedrückt, die ich mir dann in meiner eigenen Geschwindigkeit vor Augen führen konnte. Ich konnte sie weglegen, wenn ich mich sattgesehen hatte, ich musste nicht jedes einzelne betrachten, manche auch mal länger, falls ein gutes dabei war. Kurz gesagt: Ein Gefühl von Selbstbestimmtheit begleitete diese Art der Präsentation. Im Gegensatz zum Dia-Abend, der mir sein Tempo aufzwang. Oder mich nach kürzester Zeit aus dem Raum trieb.

Heute würde ich mich über die gebeamte Projektion der Wanderfotos meines Nachbarn an seine Wohnzimmerwand sogar freuen. Anstelle dessen wird mir bestenfalls eine Diashow am Rechner angeboten – wenn der Künstler es sehr eilig hat, darf ich seine Kunstwerke sogar direkt am 2,5-Zoll-Display seiner Kamera bestaunen.

Das soll nicht heißen, dass ich nicht auch fotografiere. Jedes Mal, wenn ein von fernen Gestaden angereistes Pärchen mit einem Lächeln auf mich zutritt, auf seine Kamera zeigt und „Photo?!“ ruft, helfe ich gern aus. Ich lasse mir den Auslöser zeigen und sie sich in Szene setzen. Aber bevor ich den Knopf drücke, presse ich erst mein Auge fest ans Display. Immer auf der Suche nach dem Sucher.
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