Hairstyling im Wandel der Zeit

 

Alle Haare müssen hoch

In den Achtzigern hatte man Sorgen mit dem Hairstyling. Heute auch. Die Unterschiede findet Esther Stein weniger groß, als man denkt

Erschienen in Front, September 2008

Früher hatten wir nichts. Fast nichts, wenn man stark festigendes Haarspray mit Friseursalon-Geruch hinzuzählt. Es waren harte Zeiten für Menschen, die ihre Haar entgegen der Gravitation in Form bringen wollten. Kein Haarwachs, Gel oder Styling-Foam. Wessen Haare kurz und dick genug waren, der konnte sich mit einem Igelkopf durch die Achtziger retten. Aber alle, die eine irgendwie geartete In-Frisur tragen wollten, mussten die Haare unbedingt wenigstens im 60-Grad-Winkel von der Kopfhaut wegbringen.

Viele Mythen rankten sich um die geeignete Methode, sein Haar zum Stehen zu bringen – von Rasierschaum, Kernseife, Zuckerwasser bis hin zu Sekundenkleber reuchten die Tipps. Kaum einer überstand allerdings den nächsten Regen. Je länger und je feiner das Haupthaar, desto dramatischer sein Abstieg: Die mit oben genannten Tricks in Himmelsrichtung gebrachte Frisur sank im Laufe des Abends recht gen Boden, die Laune meist gleich hinterher.

Zum Glück erfuhr das glatte Haupt eine Renaissance in den Neunzigern und der zottelige Spuk fand ein Ende. Die Freude währte allerdings nicht lange, und seitdem sogar Fußballer als Mode-Idole herhalten müssen, kneten Männer wieder begeistert in ihren Haaren herum, um diese süßen Löckchen in einen verwegenen Strubbelkopf zu verwandeln. Diesmal hat die Industire aufgepasst und gibt ihren Kunden jede Menge Hilfsmittel an die Hand. Ultra-Gel für extra starken Halt, Styling-Creme für flexible Festigkeit, Modellier-Sprays, 200 Sorten Haarlack, Styling-Mousse für Wet-, Punk-, Glanz-, Elastik-Look. Die Liste ist endlos, die Kunden ratlos. Diese unüberblickbare Produktpalette scheint für jeden das Richtige zu bieten – allein, wie man das herausfindet, bleibt ein Rätsel.

Die Beschreibungen auf den knallbunten Töpfen, Tuben und Flaschen sind wenig hilfreich, die Ergebnisse meist von rein optischer Überzeugungskraft: Was im Spiegel sexy verwuschelt aussieht, entlarvt die tastende Hand als brettharten Haarhelm, glänzende Strähnen fühlen sich oft wie öliges Fell an. Die Bettwäsche am Morgen danach sowieso – es sei denn, ein Regenschauer auf dem Nachhauseweg erlöst uns von dem “Produkt” im Haar. So nennt der Fachberater die verschiedenen Schmiermittel, die nach jahrelanger Anwendung mit Sicherheit dem Haar vorzeitig den Garaus machen werden.

Die Kernseife der Achtziger hat uns nie Pflege vorgegaukelt, die heutigen Styling-Produkte mit ihren Pro-Vitaminen und Schutzfiltern werden ihn auch nicht verhindern: den endgültigen Abschied vom männlichen Haupthaar, den Sieg des Rasierers über lange Strähnen neben leeren Stellen. Ein Gutes hat es: Wenn alles oben weg ist, kann man die Seife wieder zum Waschen nehmen.
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