Kampf der Systeme

Kampf der Systeme


Esther Stein auf der Flucht vor neuen Playern und Formaten. Eine Entscheidungsschlacht in deutschen Wohnzimmern droht

Erschienen in: Front, September 2008

 

Vor langer Zeit habe ich damit begonnen, Kriegsflüchtlinge bei mir aufzunehmen. Ich gebe ihnen ein Dach über dem Kopf, weil sie von geldgierigen Firmenbossen ins Exil getrieben wurden. Sie sind die traurigen Überlebenden der sogenannten Formatkriege, die seit den Siebzigern immer wieder in der zivilisierten Welt toben. Nur wenig liest man über die Opfer, die diese Auseinandersetzungen fordern. Aber bei mir stapeln sie sich in den Regalen: Betamax-Kassetten, MiniDisc-Recorder, Laserdiscs, Video-2000-Abspielgeräte, HD-DVD-Player – massenhaft elektrische Kollateralschäden.

Mein Faible für Verlierer-Formate erwarb ich in frühester Jugend. Videokassetten waren Ende der Siebziger der letzte Schrei und deshalb musste auch in unserem Wohnzimmer ein Gerät stehen. Damals gab es zwei Formate: Betamax und VHS – Video 2000 war noch nicht auf dem Markt. Mein äußerst technik-affiner Vater wog die Vor- und Nachteile beider Systeme ab und entschied sich für das ausgereiftere von beiden. Er war sich seiner Sache sehr sicher. Er kaufte einen Betamax-Recorder. Ein Fehler, wie wir heute wissen.

Vor dem Hintergrund dieser familiären Erfahrung verhielt ich mich in den folgenden Jahren sehr vorsichtig bei der Neuanschaffung von Elektronika aller Art. Dem Medium CD traute ich erst Anfang der Neunziger eine gewisse Lebensdauer zu, neun Jahre nach dem Verkauf der ersten Player stand endlich auch bei mir ein solcher Kasten herum. Doch schon warf Sony ein neues Wunder auf den Markt: die MiniDisc. Viel cooler als die üblichen Kassetten erschienen mir die kleinen Plastikquadrate, die wie kleine Disketten aussahen. Dass auch das Zauberformat Betamax von der japanischen Firma stammte, hätte mich stutzig machen können. Hat es aber erst, als mein erster MiniDisc-Player seinen Geist aufgab. Für Nachschub war wenige Jahre nach Beginn des neuen Jahrtausends nicht mehr gesorgt, Verkäufer schauten mich entgeistert an, wenn ich meinen Wunsch nach einem Nachfolgegerät äußerte. Jetzt ist die MiniDisc Geschichte.

Aber endlich hat die Firma Sony wieder einen Grund zur Freude: Eines ihrer Formate hat das Duell gewonnen. Die Blu-ray Disc soll das alleinige Erbe der DVD antreten, die HD DVD von Panasonic wurde im Februar für tot erklärt. Diese Schlacht fand bislang ohne mich statt, ich war noch mit der Frage „MP3, MP4 oder OG“ vollkommen ausgelastet. Aus Angst, wieder etwas zu verpassen, habe ich mich informiert. Ich brauche einen anderen Player dazu, erfahre ich – der weitaus teurer ist. Die Blu-ray Discs kosten auch mehr als die einfachen DVDs. Noch, sagen die Fachleute. Bald werden die Preise fallen, versprechen sie. In einem dieser Medienkaufhäuser habe ich mir eine angeschaut. Und kaum einen Unterschied zur normalen DVD entdecken können. Besonders nicht, wenn ich sie auf meinem Fernseher zuhause sehen werde. „Sie sollten sich einen neuen kaufen“, rät der Verkäufer und schubst mich mitten ins Kampfgetümmel: „Plasma oder LCD?“

« « «

Schreibe einen Kommentar